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Till Lindemann auf der Bühne während der Meine Welt Tour
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Till Lindemann Meine Welt Tour 2025: Review & Setlist

6 Min. Lesezeit

Till Lindemann Meine Welt Tour 2025 – Zwischen Provokation, Poesie und purer Wucht

Kaltes Licht flutet die Arena. Schwere, synthetische Beats kriechen aus den Boxen wie Nebel über einen Friedhof. Dann erscheint er — Till Lindemann, 63 Jahre alt, Bassbariton-Stimme wie ein Erdbeben, Bühnenpräsenz wie ein Naturgesetz. Das Intro „Meine Welt" lässt keinen Zweifel: Hier gelten seine Regeln. Willkommen in Tills Welt.

Die Meine Welt Tour 2025 ist Till Lindemanns bislang ambitioniertestes Solo-Projekt. Über 51 Shows in 17 Ländern, restlos ausverkaufte Arenen, eine komplett neu konzipierte Bühnenshow — und natürlich Kontroversen. Wir haben die Tour unter die Lupe genommen.

Eine der beiden Tänzerinnen

@Jens Koch

Ein Tourauftakt mit Ansage — und Protest

Am 29. Oktober 2025 fiel der Startschuss in Lindemanns Heimatstadt Leipzig. Rund 10.000 Fans füllten die Quarterback Immobilien Arena bis auf den letzten Platz. Doch nicht nur Fans waren gekommen: Vor der Halle hatten sich erneut Protestierende versammelt. Die Vorwürfe aus dem Jahr 2023 — mehrere Frauen hatten Lindemann Missbrauch vorgeworfen, die Ermittlungen wurden mangels Beweisen eingestellt — schwingen weiterhin mit. Wie ein Nebel, der über dem Abend liegt: unausgesprochen, aber spürbar.

Lindemann selbst? Ignoriert die Proteste nicht, kommentiert sie aber auch nicht. Er spielt einfach weiter. Provokant wie eh und je. Man kann das als Arroganz lesen oder als künstlerische Konsequenz. Vermutlich ist es beides.

Die Bühnenshow: Dystopisches Theater auf Arena-Niveau

Wer Rammstein kennt, weiß, dass Till Lindemann kein Mann der halben Sachen ist. Doch die Meine Welt Tour geht bewusst einen anderen Weg als die Stadion-Pyrotechnik seiner Hauptband. Statt reiner Feuergewalt setzt die Show auf Theater, Körperlichkeit und visuelle Provokation.

Die Bühne gleicht einem dystopischen Tableau. Projektionen, kaltes Licht, schwere Industrial-Ästhetik. Lindemann arbeitet erneut mit Bühnenbildner Florian „Flo" Wieder zusammen, der bereits für Rammsteins legendäre Stadion-Shows verantwortlich zeichnet. Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die weniger auf Explosionen und mehr auf Atmosphäre setzt — aber nicht weniger intensiv wirkt.

Schockeffekte, Sex und Provokation gehören fest zum Programm. Tänzerinnen in Nonnenkostümen und Strapsen, explizite Bilder auf den Leinwänden, eine Drummerin, die Torten ins Publikum wirft, viel nackte Haut, Blut und simuliertes Erbrochenes — das volle Programm der Lindemann'schen Ästhetik. Kalkuliert? Absolut. Beliebig? Nie. Lindemann weiß genau, welche Bilder hängen bleiben. Und er erzeugt sie mit der Präzision eines Regisseurs.

Rynn

@ Jens Koch

Die Band: Mehr als nur Begleitung

Eine der größten Überraschungen der Tour ist die Band. Lindemann hat sich ein hochkarätiges Ensemble zusammengestellt, das weit mehr ist als eine Backing-Band:

  • Kristin „Momo" Kaminski am Bass
  • Emily Ruvidich und Daniel Lohner an den Gitarren
  • Joseph Letz am Schlagzeug
  • Brynn Route an den Keyboards — und als erstklassige Pole-Tänzerin
  • Andrea und Luisa von The Sinderellas als Tänzerinnen

Besonders Luisa sticht hervor: Ihre Choreografien sind eine Mischung aus Ballett, Flamenco und Contemporary Dance — elegant, dramatisch und perfekt auf die Songs abgestimmt. Ihre Performance bei „Tanzlehrerin" gehört zu den beeindruckendsten Momenten der gesamten Show.

Brynn Route verdient eine Sondererwähnung. Sie spielt nicht nur Keyboards, sondern liefert in mehreren Songs atemberaubende Pole-Dance-Einlagen ab. Ihre Bühnenpräsenz ist enorm. Es gibt immer etwas zu sehen — links, rechts, oben, unten. Die Bühne lebt.

Und Till selbst? Stimmlich in absoluter Topform. Nach einem etwas schwierigeren Start in Düsseldorf zeigte er bereits in Hamburg, dass die Stimme sitzt. In Nürnberg und Stuttgart dann: voll, kraftvoll, sauber — einer seiner besten Vocal-Runs seit Jahren.

Die Setlist: 18 Songs, 90 Minuten, null Durchhänger

Die Setlist der Meine Welt Tour umfasst 18 Songs und deckt Lindemanns gesamtes Solo-Schaffen ab. Hier die vollständige Setlist (basierend auf dem Tourauftakt in Leipzig):

  • Meine Welt (nur als Intro)
  • Fat
  • Und die Engel singen (Live-Premiere)
  • Schweiß
  • Altes Fleisch
  • Golden Shower
  • Sport frei
  • Tanzlehrerin
  • Blut
  • Allesfresser
  • Prostitution (Live-Premiere)
  • Praise Abort
  • Platz Eins
  • Du hast kein Herz
  • Skills in Pills

Zugabe:

  • Fish On / Übers Meer
  • Knebel (gekürzt)
  • Ich hasse Kinder

Drei neue Songs feierten Premiere: „Und die Engel singen", „Prostitution" und „Übers Meer" — allesamt vom 2025 erschienenen Reissue Zunge 2025. Die restliche Setlist zieht sich quer durch das Lindemann-Universum: vom ehemaligen Projekt mit Peter Tägtgren („Praise Abort", „Skills in Pills", „Golden Shower") bis zu den Solo-Hits.

Crew von Till Lindemann

Die Highlights

„Übers Meer" ist der emotionale Ankerpunkt der Show. Für einen kurzen Moment wird es still in der Arena. Lindemann singt leise, fast zerbrechlich. Es ist sein bester Song live — und der Beweis, dass hinter der Provokation ein Poet steckt.

„Du hast kein Herz" trifft mit brachialer Intensität. Der Song funktioniert live noch besser als auf Platte — roh, direkt, emotional.

„Tanzlehrerin" ist der Crowd-Favorite. Wenn Luisas Choreografie einsetzt, geht ein Raunen durch die Halle. Es ist der Moment, in dem Musik und visuelle Performance perfekt verschmelzen.

„Ich hasse Kinder" als Closer ist konsequent: bitterböse, provokant und genau der Schlag ins Gesicht, den das Publikum erwartet — und will.

Till Lindemann und Vorband

Support: Aesthetic Perfection überzeugt

Vorband Aesthetic Perfection um Daniel Graves liefert einen soliden, energiegeladenen Opener. Graves' Stimme klingt auf dieser Tour so stark wie selten zuvor. Die Songs sind bekannt, aber die Performance sitzt. Das Publikum geht mit — selbst bei Tracks wie „Summer Goth", die nicht jedermanns Geschmack treffen. Ein würdiger Warm-up.

Der Elefant im Raum: Die Kontroversen

Man kann über die Meine Welt Tour nicht schreiben, ohne die Vorwürfe aus 2023 zu erwähnen. Die strafrechtlichen Ermittlungen wurden eingestellt, doch in der öffentlichen Wahrnehmung — besonders in Deutschland — bleibt das Thema präsent. Die Proteste beim Tourauftakt in Leipzig und die Kontroversen um Lindemanns Teilnahme am Leipziger Opernball zeigen: Die Debatte ist nicht vorbei.

Lindemann selbst scheint sich davon nicht beirren zu lassen. Seine Inszenierung pendelt weiterhin bewusst zwischen Kunstfigur und Krawall. Die provokanten Show-Elemente — die expliziten Bilder, die sexualisierten Performances — wirken im Kontext der Vorwürfe auf manche Zuschauer anders als zuvor. Andere sehen darin genau die künstlerische Kompromisslosigkeit, die sie an Lindemann schätzen.

Es ist eine Gratwanderung. Und Lindemann balanciert mit der Unverfrorenheit eines Mannes, dem Kritik als Treibstoff dient.

Merch und Fan-Kultur: Der Fisch ist ausverkauft

Ein amüsantes Detail am Rande: Zum Merch-Sortiment gehört ein Gummi-Fisch (Referenz an „Fish On"), der sich zum überraschenden Kult-Item entwickelt hat. In Nürnberg war er erstmals vor Konzertbeginn ausverkauft — ein Novum. Die Preise stiegen im Tourverlauf von 20 auf 25 Euro.

Weitere Merch-Highlights: ein Schlüsselanhänger (ebenfalls oft vergriffen), ein goldbestickter Lindemann-Patch und ein Jutebeutel für 10 Euro, der nicht im Online-Shop erhältlich ist. Wer bestimmte Items will: früh kaufen. Die Bestände variieren stark von Stadt zu Stadt.

Emily auf der Bühne

Fazit: Kein Konzert für alle — aber ein Abend, der bleibt

Die Till Lindemann Meine Welt Tour 2025 ist eine monumentale, verstörende und beeindruckende Show. Lindemann hat sich nie angepasst, nie entschärft — auch 2025 / 2026 nicht. Die Tour zeigt einen Künstler, der sich seiner Wirkung bewusst ist und sie gezielt einsetzt.

Wer Industrial Metal, theatralische Inszenierungen und kompromisslose Kunst schätzt, bekommt hier ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Performance und Provokation. Die Band ist exzellent, die Setlist sitzt, die Bühnenshow überzeugt auf ganzer Linie.

Wer empfindlich auf explizite Inhalte reagiert oder die Debatte um Lindemann nicht ausblenden kann, wird sich schwerer tun. Das ist legitim. Und vielleicht ist genau diese Spannung Teil von Lindemanns Kunst.

Bewertung: 8,5/10 — Ein kraftvolles Solo-Statement, das zeigt: Till Lindemann braucht Rammstein nicht, um Arenen zu füllen und Grenzen zu sprengen.

Sebastian
Über den Autor

Sebastian

Redakteur bei LIFAD World – Deine Quelle für alles rund um die Band.

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